Frankreich, der unbekannte Nachbar

30 Jan

Als 2004 “Dutch Type” von Jan Middendorp erschien, ging eine Welle durch die deutsche Graphikszene, die mehrere Monate andauerte und unsere Blicke auf die Niederlande richtete. Annähernd unbemerkt ging an uns eine ganz ähnlich gelagerte Publikation ein Jahr später vorbei: « Histoire du graphisme en France » von Michel Wlassikoff (2005). Ein wesentlicher Grund dafür dürfte die sprachliche Barriere gewesen sein: Während “Dutch Type” in englischer Sprache verfasst und veröffentlicht wurde, erschien Wlassikoffs Geschichte der Graphik in Frankreich zunächst nur französisch. Bereits seit 2006 liegt jedoch eine Übersetzung ins Englische vor, die unseren Horizont über den Rhein erweitern könnte.

Histoire du graphisme en France, Cover

Auf 320 großformatigen Seiten macht uns Michel Wlassikoff mit den wichtigsten Entwicklungssträngen der Graphik in Frankreich vertraut und stellt uns bekannte und weniger bekannte Protagonisten des Fachs vor. Dabei ist der Titel der Anthologie sehr bewusst gewählt und programmatisch: nicht die Geschichte der französischen Graphik wird erzählt, sondern die Geschichte der Graphik in Frankreich, zu der Gestalterinnen und Designer mit Wurzeln in vielen Ländern beigetragen haben.

Der in meinen Augen etwas unglückliche Entwurf des Hardcovers von EricandMarie sollte niemanden abschrecken. Im Buch selbst haben Sophie Costamagna (Konzeption und Künstlerische Leitung) und Marie-Christine Gaffory (Realisierung) eine ansprechende Arbeit abgeliefert. Die neun Kapitel werden jeweils von einem mehrseitigen Artikel eingeleitet, der mit Hilfe kleinerer Abbildungen die Entwicklungen eines Zeitabschnitts darlegt. Daran schließt jeweils ein Bildteil an, der mit großen Reproduktionen von sehr guter Qualität und stillen und nach kunstwissenschaftlichen Normen verfassten Legenden aufwartet. Hier und da wird der Coffeetable-Teil um kurze Erläuterungen und Verweise des Autors ergänzt. Auf diese Weise schafft Wlassikoffs Buch den Spagat zwischen visuellem Genuss und Inhaltsvermittlung hervorragend.

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Histoire du graphisme en France ist in die folgenden Abschnitte gegliedert:
— Die Vorherrschaft französischer Sprache und Typographie (1500 bis 1880)
— Vom Art-Nouveau zur Avant-Garde (1880 bis 1925)
— Von den Arts décoratifs zur Union des artistes modernes (1925 bis 1930)
— Die Grundlegung der modernen Graphik (1930 bis 1940)
— Von der Besetzung zur Alliance graphique internationale (1940 bis 1955)
— Der Schweizer Beitrag und die Entstehung von Markenbildern (1955 bis 1965)
— Vom Widerspruch zur Konzeption einer neuen Umwelt (1965 bis 1975)
— Die Grands Travaux und der Auftritt des Digitalen (1975 bis 1994)
— Die Ausweitung der Graphischen Zone (1995 bis 2005)

Die Geschichte der Graphik in Frankreich ist weniger spezifisch auf die Gestaltung von Schrift und Typographie augerichtet als “Dutch Type”. Allerdings spielt Schrift in diesem Buch durchaus die tragende Rolle. Großartig ist dabei, wie medienübergreifend deren Entwicklung und Einsatz abgebildet wird: Schriftmuster für Werksatz und Akzidenzen, handgezeichnete Schrift in Plakten, Inschriften an Gebäuden und schriftliche Äußerungen des individuellen Widerstands im öffentlichen Raum fanden gleichberechtigten Eingang in diese Übersicht.

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Besonders lesenswert dürften für die deutsche Leserin die Kapitel sein, die die Vorkriegsmoderne in Frankreich betreffen und die Entwicklung nach 1968, die sich deutlich vom deutschsprachigen Raum unterscheiden. Dass es in Frankreich kein Bauhaus gab ist bekannt, weniger bekannt ist in Deutschland, dass es zu dieser Zeit in Frankreich durchaus »Moderne« gab. In welcher Weise sich die Bewegungen in den beiden Ländern unterschieden, kristallisiert sich an zwei Ausstellungen heraus, die 1930 parallel in Paris stattfanden:

»Die Präsentation der Franzosen, sorgsam von René Herbst und Mallet-Stevens in Szene gesetzt, präsentiert die Werke nach Autoren geordnet. […] Abgesehen von den Plakaten und Drucken entstanden nur wenige Arbeiten als Aufträge aus Wirtschaft und Industrie, im Allgemeinen waren die gezeigten Einrichtungsgegenstände Prototypen. Dagegen zeigte das Bauhaus eine Gemeinschaftspräsentation unter dem Titel Ein Wohnblock mit zehn Stockwerken, womit eine Arbeiter-Kooperative gemeint war. Die Möbel stammten aus industrieller Produktion. […] Der Vergleich der beiden Ausstellungen belegt den unterschiedlichen Charakter der modernen Bewegung in Frankreich, die vom Zusammenfluss individueller Ansätze geprägt ist, die damit beschäftigt sind, ein Werk zu konstituieren, den Individualismus zu betonen. Dagegen überwiegt auf deutscher Seite das Kollektiv und das soziale Engagement, die Synthese mit ihren totalitären Tendenzen.« [Histore du Graphisme en France, Seite 75]

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Der zweite Zeitraum, in dem sich eine deutliche Abweichung zwischen Frankreich und Deutschland nachvollziehen lässt, liegt zwischen 1965 und 1975, als einerseits die Schweizer Schule und amerikanische Strategie auch in Frankreich den Ton in Corporate Design und Visueller Kommunikation anzugeben begann, andererseits Illustration und die Bandes dessinées (Comics) einen enormen Aufschwung erlebten und sich fest in der graphischen Kultur Frankreichs etablierten. Gerade für Frankreich überraschend und gravierend war, wie schlecht es zu dieser Zeit mit innovativen graphischen Projekten für staatliche Stellen aussah. Mehrere Initiativen zur Verbesserung von Formularen oder der Gestaltung von neuen Briefmarken und Banknoten wurden in Verwaltungen abgebügelt oder bis zur Unkenntlichkeit zerlegt. Damit entfiel ein wichtiger Auftraggeber für »Leuchtturm«-Projekte, wie sie beispielsweise für die Niederlande so bezeichnend sind. Mitte der siebziger Jahre zerfiel die französische Graphik – platt ausgedrückt – in eine kommerzielle Hälfte, die zwischenzeitlich in Teilen ins Bodenlose gefallen ist, und eine anti-kommerzielle Hälfte, die sich ausschließlich kulturellen und politischen Inhalten widmen möchte.

Es sind dies nur zwei Beispiele für Fundstellen in diesem Buch, die ich stellvertretend für viele weitere lehrreiche Passagen in Michel Wlassikoffs Text gewählt habe. Verweisen möchte ich zum Abschluss auch auf die ausführliche Bibliographie am Ende von Histoire du graphisme en France, die mit weit über 100 thematisch sortierten Einträgen eine umfassende Grundlage für Recherchen zum Thema bietet.

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Michel Wlassikoff: Histoire du graphisme en France, Les Arts décoratifs, Dominique Carré Éditeur, Adagp, Paris 2005.
Éditions Carré.

Englische Ausgabe:
Michel Wlassikoff: The Story of Graphic Design in France, Ginko Press, Corte Madera 2006.
Ginko Press.

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