Welt aus Schrift, die Texte

14 Oct

Im einleitenden Artikel »Schrift als Programm oder Aschenbrödel für jedermann?« gibt Anita Kühnel auf zehn Seiten einen wunderbaren Überblick über den in der Ausstellung gezeigten Zeitraum, in dem sie kunstgeschichtliche, technikgeschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen mit einander verknüpft und auf die unterschiedlichen Genres des Schriftschaffens eingeht.

In »Schreibmeister und Writer« (6 Seiten) stellt Bernard Stein, der für die Gestaltung der Ausstellung verantwortlich zeichnet, den deutschen Schreibmeister der Renaissance Johann Neudörffer d. Ä. dem heute aktiven Graffiti-Writer MICRO gegenüber und verknüpft diese Betrachtung mit einer Passage aus Claude Lévi-Strauss’ Traurige Tropen.

Sylke Wunderlich behandelt in »Ornament und Schrift – Schrift und Ornament« (12 Seiten) zunächst das Wesen dieser beiden Aspekte, um darauf verschiedene Interaktionen der beiden zu untersuchen: Typografie plus Schmuck, ornamentale Schrift, Initiale und Zierschriften.

Bei Günter Karl Boses »Normalschrift. Zur Geschichte des Streits um Fraktur und Antiqua« (14 Seiten) mag man zunächst denken: Nanu? Schon wieder? Doch Bose hat mehr zu sagen, als man bereits bei Kapr gelesen hat. Überaus gründlich und interdisziplinär recherchiert korrigiert er viele bereits bekannte, zu schematische Darstellungen.

Der kurze Text »Marken und Zeichen in ihrer Herkunft, Anwendung und Bedeutung« (2 Seiten) von Kurt Weidemann beleuchtet Aspekte von Marken und Zeichen.

In »Wort in Freiheit – Typografie im Visier der Avantgarden« (8 Seiten) zeichnet Michael Lailach Stationen auf, an denen die Grenzen zwischen Literatur, Kunst und Schriftschaffen verwischen: Mallarmé, Futurismus, Schwitters, Dada, De Stijl, El Lissitzky, Majakowski, Gomringer …

Viola Hildebrand-Schat geht in »Zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit. Die unsichtbare Grenze« (10 Seiten) teilweise auf die gleichen Avantgarden ein, hat dabei aber eine andere Fragestellung, nämlich die verschiedener Lesarten, bildlicher und typographischer, die Lesbarkeit nicht im Sinne von Mikrotypographie interessiert, sondern im Sinne vielschichtiger Kommunikationsprozesse.

»Kampf um Wahrnehmung. Schrift und Werbung« (8 Seiten) von Anita Kühnel und Jan May stellt die Ausbreitung der Schrift im öffentlichen Raum dar, vom Plakat zur Leuchtschrift, wobei hier die Fokussierung der Betrachtung auf Deutschland und den Zeitraum der Ausstellung problematisch ist.

Um Fragen der Integration typographischer Zeichen in Entwürfen der Mode geht es in Adelheid Rasches Beitrag »TEXT für TEXTiles: von Schrift und Kleidung im 20. Jahrhundert« (6 Seiten). Da in diesem Bereich so gut wie keine ernsthaften Forschungen vorliegen muss sich die Autorin damit begnügen, exemplarische Beispiele systematisch zusammenzustellen. Es ist zu wünschen, dass dieser strukturierte Überblick die Grundlage für eine interessante Forschungsarbeit wird.

In »Zeichen im Raum – Wege aus dem Schilderwald? Vom Dschungel in den Schilderwald?« bringen Florian Adler und Hans-Peter Schmidt den Aspekt der Orientierung im öffentlichen Raum in einer differenzierten Betrachtungsweise ein und zeigen Lösungsansätze jenseits des Schilderwaldes auf.

Matthias Gubig wagt mit »Ausgeprägte Charaktere. Handwerkstechniken und Schriftformen« (8 Seiten) einen Parforceritt durch die Geschichte der Antiqua-Buchtypografie, von der »Erfindung« der Serife zum digitalen Font. Die starke Verknappung erzeugt Raum für Missverständnisse bei einem Themenbogen, der viele Minenfelder der Typographiegeschichte berührt.

»Animierte Schrift und Schrift in digitalen Medien« (6 Seiten) von Fred Smeijers spannt einen überraschenden Bogen von typographischen Animationen in Filmvorspännen über Las-Vegas-Schriften in animierbaren Glühbirnen-Matrices zu den  Möglichkeiten digitaler Font-Programmierung und stellt fest, dass auf diesem Feld die gestalterischen Potenziale lange nicht ausgeschöpft sind.

Jan May und An Paenhuysen geben mit »Vorspannkino« (3 Seiten) einen kurzen Abriss der Entwicklung des typographischen Vorspanns und verweisen auf herausragende Beispiele.

Die Aufsätze des Kataloges erweitern noch einmal die offene Konzeption der Ausstellung, öffnen Horizonte und bieten den Einstieg in eine intensivere Beschäftigung für Laien und Fachleute. Sie sind frei von grobem Unsinn und äußerst angenehm in der Ernsthaftigkeit die den Themen zuteil wird. Empfehlenswert vor, während und nach der Ausstellung!

Anita Kühnel [Hrsg.] in Zusammenarbeit mit Michael Lailach und Jan May: »Welt aus Schrift – das 20. Jahrhundert in Europa und den USA«, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2010. ISBN: 978-3-86560-888-8

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One Response to “Welt aus Schrift, die Texte”

  1. Dan Reynolds October 20, 2010 at 18:57 #

    I really enjoyed the article, “Normalschrit. Zur Geschichte des Streits um Fraktur und Antiqua.” Günter Karl Böse’s account strikes me as much more objective than Albert Kapr’s in Fraktur. Perhaps some of Kapr’s subjectivity is related to his own personal life story’s details? More has been written about the Frakturstreit since the early 1990s when Fraktur was written, and it is nice to see that included in the text and footnotes here.

    Other articles in the book are not all of the same quality. And I think that this book could really benefit from a “Blue Pencil” treatment, a la Paul Shaw’s blog. I noticed several factual errors in the content, none of which were drastically bad. But still! This book is for the ages, and it would be better if these were not in there.

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