Welt aus Schrift, Ausstellung

13 Oct

Am 22. September 2010 eröffnete die Ausstellung »Welt aus Schrift« in den Sonderausstellungshallen des Kulturforums in Berlin. Es ist seit Jahren die erste große Ausstellung in Berlin zur Gestaltung von Schrift und mit Schrift. Dieser Herbst verspricht aufregend zu werden. Website der Staatlichen Museen zu Berlin.

 

Welt aus Schrift, Plakat am Gebäude der Kunstbibliothek

 

Es ist ein einmaliges Unterfangen, was die Kunstbibliothek, namentlich deren Leiterin der Sammlung Grafikdesign Anita Kühnel, hier auf die Beine gestellt hat. Zum ersten Mal in der über 140-jährigen Geschichte der Einrichtung präsentiert sie eine große Schau ihrer Bestände im Bereich Schrift und Typografie. »Welt aus Schrift« vermittelt einen hervorragenden Überbick über die Gestaltung von Schrift und das Gestalten mit Schrift in Deutschland, Europa und den USA in der Zeit zwischen 1890 und 2010.

Die Ausstellung ist bis zum 16. Januar 2011 geöffnet und wird von einer Reihe hochkarätig besetzter Vorträge begleitet. Parallel zu »Welt aus Schrift« zeigen Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Schrift-Arbeiten unter dem Titel »Einfach realitätsnäher!« in den Räumen der Kunstbibliothek. Am 29. Oktober 2010 eröffnet zudem die Ausstellung »Schrift als Bild« im Kupferstichkabinett in unmittelbarer räumlicher Nähe, die bis zum 23. Januar 2011 zu sehen sein wird. So verbinden sich die drei Schrift-Schauen zu einem Event wie es die Typoszene der Stadt lange nicht gesehen hat.

 

Im unteren, ersten Ausstellungsraum

 

Mit dem Titel »Welt aus Schrift« nimmt die Ausstellung bezug auf die Ausstellung »Welt aus Sprache« der West-Berliner Akademie der Künste von 1972. Im Gegensatz zu jener beschränkt sie ihre Betrachtung auf das westliche Zeichensystem, auf die Lateinische Schrift. Sie spürt deren formalen und kunstgeschichtlichen Wandlungen nach, verweist auf verschiedene Ideologisierungen von Fragen der Schrift des zwanzigsten Jahrhunderts und stellt Verbindungen zwischen den unterschiedlichsten Formen des Schriftschaffens her.

Gerade in diesem letzten Punkt ist die Schau außergewöhnlich und zukunftsweisend. Vorbei zu sein scheinen die Zeiten, in denen Buchkunst isoliert von Plakatkunst betrachtet wurde, in denen Akzidenzdrucke und Ladenfassade ausgeklammert wurden. »Welt aus Schrift« präsentiert Schrift, Typografie und Lettering im Dialog, macht deutlich, dass es eine weiter zu fassende »Schriftkultur des Westens« gibt.

 

Alfred Mahlau: Nordische Woche Lübeck, 1921

 

Dabei steht der deutschsprachige Raum im Mittelpunkt, denn die meisten Exponate entstanden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Blick für kulturräumliche Eigenheiten wird jedoch in allen Zeitabschnitten in Bezug gesetzt zu Entwicklungen in anderen Ländern. Arbeiten aus England, den USA, Frankreich, Italien und den Niederlanden zeigen die vielschichtigen internationalen Bezüge auf, teils in Form von Einflüssen, teils als internationale Strömungen.

Diese konzeptionelle Offenheit findet sich ebenfalls wieder in der Weise wie an bestimmten Punkten das engere Feld des Schriftschaffens auf die Felder der Literatur und bildenden Kunst ausgeweitet wird.

Trotz dieser Offenheit muss gesagt werden, dass »Welt aus Schrift« im Kern den Kanon dessen präsentiert, was angehende Kommunkatonsdesigner in der Geschichte der Grafik und Typografie zu lernen haben. Inwiefern das mit den Beständen der Sammlung zusammenhängt, aus der der überwältigende Anteil der Exponate entnommen ist, ist unklar.

Anita Kühnel schreibt im einleitenden Artikel des Katalogs: »Im Ausbreiten des Bestandes liegt einerseits die einmalige Chance, meist Verborgenes einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, andererseits wird in der Beschränkung, begleitet von der Frage, welche Entwicklungen tatsächlich beispielhaft vorwärts weisend oder einmalig herausragend sind, Sammelpolitik auf den Prüfstand gestellt.«

 

Stanley Morison: New Type in the Times, 1932

 

Doch ist es sicherlich kein Schade, einem breiten Publikum die Juwelen der Sammlung zu zeigen. William Morris neben George Auriol neben Henry van de Velde neben Peter Behrens neben Koloman Moser zu Beginn des ersten Raums. Uwe Lösch neben Neville Brody neben Ruedi Baur neben David Carson neben Mevis und van Deursen im zweiten. Hier eine vollständigere Liste einzufügen würde zu weit führen.

Zwei Aspekte, von denen ich mir insgesamt mehr gewünscht hätte, sind osteuropäische Grafiker, Plakatkünstler und Schriftgestalter, die schmerzlich unterrepräsentiert sind, sowie die revolutionären Umbrüche und Aufschwünge im Typedesign nach 1984, namentlich die Arbeiten der niederländischen Pioniere Just van Rossum, Erik van Blokland und Petr van Blokland. So bleibt am Ende der Eindruck, nicht vollständig in der Gegenwart angekommen zu sein.

Wirklich ärgerlich ist jedoch allein die Tatsache, dass die Website der Staatlichen Museen die Sonderschau in ihre kleinkarierte Gestaltung zwingt und ihr nicht den nötigen Auftritt verschafft, größere Beachtung zu finden. Sie hat sie verdient.

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One Response to “Welt aus Schrift, Ausstellung”

  1. (NEXT GREAT) ARMSTRONG April 30, 2011 at 16:25 #

    Forgive me if this message does not translate effectively or particularly well, but would you be okay with me using the “Stanley Morison: New Type in the Times, 1932” photo in a blog of my own?

    The blog I am writing is about The Times newspaper and design.

    I shall provide you with a credit, link, thank you and reference on the blog also…

    Please get in touch.

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